• Erwin Hemetsberger

Die Pandemie der anderen Art: Corona und die psychischen Folgen

Aktualisiert: Juli 7



Bereits im April informierte der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) über eine drastische Zunahme psychischer Belastungen für PsychotherapiepatientInnen in Folge der Corona-Maßnahmen. 70% der TherapeutInnen berichteten von sich verschlimmerten Symptomen und einer Reaktivierung bereits überwundener Traumata ihrer KlientInnen. Als Gründe wurden die erzwungene Einsamkeit und die eingeschränkte Bewegungsfreiheit angegeben.


Nun, könnte man einwenden, handelt es sich hier analog zu Corona-Risikogruppe (Betagte und Menschen mit Vorerkrankungen) um eine relativ eingrenzbare Gruppe von gefährdeten Menschen. Dem ist aber nicht so. Dr. Thomas Probst, Universitätsprofessor für Psychotherapiewissenschaften an der Donau Universität Krems, schreibt in der Fachzeitschrift Spectrum Psychiatrie von einer um die 4 bis 5-fach gestiegene depressive Symptomatik unter der Gesamtbevölkerung im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten. Außerdem hätten zusätzlich Ängste und Schlafstörungen deutlich zugenommen. „Alles in allem lassen diese Befunde auf eine relevante psychische Belastung schließen“, so Dr. Probst.


Und hier scheinen ganz besonders die Schwächsten der Gesellschaft betroffen zu sein. So weisen rund ein Drittel der Kinder in Folge der COVID-19-Beschränkungen, der angeordneten Selbstisolation und zugenommener Gewalterfahrungen Zeichen einer Posttraumatischen Belastungsstörung auf. Kinder aus ökonomisch schwächeren Familien hätten nicht selten den Anschluss an die Schule verloren, Jugendliche würden kaum noch Lehrstellen finden, berichten das Ambulatorium für Kinder- und Jugendpsychiatrie und die Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit im ORF.


Aber auch die von der COVID-19 Pandemie am schwersten betroffene Bevölkerungsgruppe der Alten bzw. Hochbetagten leidet unter den unerwünschten „Nebenwirkungen“ des Lockdowns. SeniorInnen, manche mit Altersdepression, waren plötzlich mit Vereinsamung und Ängsten konfrontiert.


Und nicht zuletzt litten auch alleinstehende Menschen (1,2Millionen in Österreich) sehr unter den Kontaktverboten. Diesen waren, weil eben mit keiner anderen Person im Haushalt zusammenlebend, selbst Sparziergänge untersagt. Wenn Menschsein wie in der Integrativen Therapie in der Hauptsache Mitmensch sein bedeutet, eine geradezu existenzbedrohende Situation.


In der „stillen Pandemie“ blieb jedoch „der vielerorts verkündete erwartbare Ansturm auf psychosoziale Einrichtungen aus … ein großer Teil von psychisch Kranken leidet unbehandelt und ungeholfen im Stillen zu Hause“, meint Dr. Michael Musalek, ärztlicher Leiter des Anton Anton Proksch Instituts. Dass einige dieser Einrichtungen während des Lockdowns nur eingeschränkt oder überhaupt nicht zur Verfügung standen, sollte an dieser Stelle ebenfalls nicht unerwähnt bleiben.


Kommt es nun aber nicht zu einer psychotherapeutischen Behandlung oder zumindest psychologischen Beratung der Betroffenen, kann es zu einer Chronifizierung der Erkrankungen kommen, wie Univ. Prof. Probst anmerkt. So berichtet eine im Fachmagazin The Lancet veröffentlichte Metastudie über die Langzeitfolgen von Quarantänemaßnahmen. Demnach kann es bis zu drei (!) Jahre nach einem Lockdown zu vermehrtem Auftreten von Depressionen, Alkoholabhängigkeit, Angsterkrankungen usw. kommen.


Was COVID-19 mit Hinblick auf das psychische Belastungspotenzial von anderen Pandemien unterscheidet und doppelt gefährlich macht, ist, dass zum einen in Ermangelung eines Impfstoffs mit einer zweiten Infektionselle zu rechnen ist. Sollte es wieder zu einer drastischen Einschränkung des öffentlichen und privaten Lebens kommen, ist mit ähnlichen Belastungen für die Bevölkerung zu rechnen. Insbesondere, wenn mit der effizienten aber schädigenden Strategie der Angst gearbeitet wird. Zum anderen wird aber auch ein Wirtschaftsabschwung erwartet, der mit zusätzlichen Belastungen (Arbeitsplatzverlust, finanzielle Einbußen, Selbstwertproblematik usw.) für die Betroffenen einhergehen kann. Es bleibt zu hoffen, dass die Selbstmordraten im Falle einer wirtschaftlichen Depression nicht ähnlich steigen werden, wie dies beispielsweise im Fall von Griechenland (35% Zuwachs nach Inkrafttreten der Sparpolitik ab 2008) eingetreten ist (Quelle: Kompetenznetz Public Health COVID-19).


Downloads:

PatientInnen-Coronavirus-Infoblatt-OEBVP
Download • 300KB


Hintergrundpapier_Indirekte_Folgen_von_M
Download • 237KB


The Lancet_ The psychological impact of
Download • 254KB



Beitragsbild (c) Tumiso, pixabay

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