• Erwin Hemetsberger

Die Winterdepression im Frühling

Aktualisiert: Juni 23


Foto (c) Xavier Sotomayor, unsplah


Immer wenn die Tage kürzer werden, stellt sich der menschliche Körper auf Winterschlaf ein. Das hat hauptsächlich mit dem Sonnenlicht zu tun, das den Menschen in der Herbst-Winterzeit ganze sechs (!) Monate nicht mehr in ausreichender Menge und Qualität zur Verfügung steht. Damit einhergehend sinkt der Serotoninspiegel und es wird die Produktion des Hormons Melatonin angeregt. Ersteres sorgt für Stimmungseintrübungen, letzteres regelt die biologische Uhr und ist für geringeren Antrieb und ein erhöhtes Schlafbedürfnis verantwortlich. Für raschere Erschöpfung sorgt zudem der Vitamin D Mangel, auch das ist dem mangelnden Sonnenlicht geschuldet. Nicht selten entwickelt sich so schleichend eine ausgewachsene Depression. Nehmen die Sonnenstunden im Frühling wieder zu, klingen die damit einhergehenden Symptome in der Regel wieder ab.


Wann aber wird der „Winterblues“ zur Gefahr? Bei gefährdeten Personen, also jenen die bereits an einer psychischen Erkrankung leiden oder die einer außerordentlichen Belastung (Trennung vom Partner, Jobverlust, Burnout usw.) ausgesetzt sind, kann im Übergang vom Winter zum Frühling mehr Licht tatsächlich zur Lebensgefahr werden. Denn im Frühjahr steigt zwar wieder der Antrieb, allerdings hinkt die Stimmungsaufhellung hinterher. Wenn alles nach draußen strebt und die Laune bei den Mitmenschen besser wird, fühlt sich für den Erkrankten alles trostloser an und er bleibt buchstäblich (alleine) zurück. Menschen, die schon in „normalen“ Zeiten an einer Depression, bipolaren Störung oder an einer Suchterkrankung leiden bzw. sich in einer Lebenskrise befinden, sind dann besonders gefährdet.


Und so kommt es, dass der Monat mit den häufigsten Selbstmorden tatsächlich der Mai ist. Wie in einer Studie der Medizinischen Universität Wien herausgefunden wurde, sind dabei die ersten zwei Wochen einer Schönwetterphase die heikelsten, danach erst setzt die schützende Wirkung der Sonne ein.


Was also tun? Die Vorsorge beginnt idealerweise schon im Winter (Tipp: Tageslichtlampe!). Wenn man aber bereits in der Krise ist, helfen neben dem Gang zum Psychiater (Medikamente) bzw. Psychotherapeuten (stützende Therapie) vor allem soziale Kontakte. Auch wenn es schwerfällt, sollte man die Einladungen seiner Mitmenschen annehmen. Und auch andersrum gilt, motivieren sie offenbar depressive Freunde zu gegenseitigen Besuchen, gemeinsamen Ausflügen und Unternehmungen. Wie sagte der französische Philosoph Paul Valéry: „Selbstmord ist die Abwesenheit des Anderen.“

Im Akutfall empfiehlt sich schließlich die Kontaktaufnahme mit Kriseneinrichtungen und psychosozialen Hilfsdiensten.

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© 2020 Mag. Erwin Hemetsberger, MBA

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